Hallo, liebes Tagebuch!
Warum ich dich erstellt habe, fragst du? Ehrlich gesagt, bin ich überfragt. Vielleicht brauche ich einfach nur jemanden zu reden – auch wenn du mir keine Antwort geben kannst, aber wahrscheinlich habe ich dich bloß aus Langeweile und werde dich bald wieder vergessen. Denn bei mir ist es leider üblich, dass ich Dinge beginne und sie nicht zu Ende führe. Ein großer Fehler, den bestimmt nicht nur ich in meinen Genen trage, sondern wohl auch die Hälfte der Menschheit.
Nun gut, so soll es also beginnen. Dann will ich mal ein bisschen Buch über mein Leben führen!
Objekt: Georg Kellerthor; Wohnort Wien; 25 Jahre alt; verheiratet; Versicherungsangestellter;
Das sind doch schon alle Daten, die man in der heutigen Gesellschaft wissen muss, um seiner Meinung einen Menschen so richtig gut zu kennen, oder?
Wie war also so mein Tag? Fangen wir ganz von vorne an:
Der Wecker läutet, ein neuer Tag in Georg Kellerthor’s Leben hat begonnen. Eigentlich ein gutes Gefühl, dass zu sagen? …
Das Aufstehen war heute wieder besonders hart. Sogleich nach dem ersten Augenzwinkern überkam mich wieder dieses verdammte Gefühl der Unzufriedenheit. Woher mag das wohl stammen? Nach der täglichen Pflege im Badezimmer, schlenderte ich in die Küche, wo ich wie jeden Tag von meiner Frau mit einem Schweigen begrüßt wurde und sich daraus eine spitze Konversation ergab. Darf ich zitieren:
Ich „Was gibt’s zu essen?“
Julia „Tost!“
„Hast du mir eh nicht wieder zu viel Käse reingetan?“
„Verdammt, mach dir halt den Tost selbst, wenn dir meiner nicht Recht ist! – Wie komm ich eigentlich dazu, dir Frühstück zu machen. Ich muss genauso arbeiten wie du, sonst könnten wir uns diese Wohnung nie leisten! …“
Ab da an hab ich aufgehört zu zuhören. Hab den Tost liegen lassen und bin die Wohnungstür raus.
Also ging ich runter, und packte mein Rad aus. Du fragst dich, warum ich im strengsten Winter mit dem Rad in die Arbeit fahre?
Nun ja, es ist folgendermaßen: Julia und ich verdiene beide zu wenig Geld, uns zwei Autos zu leisten, und da mein Weg zur Arbeit um 2 Kilometer kürzer ist, als Julias, musste ich mich für das Rad entscheiden. Und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre ich bestimmt nicht, denn die hasse ich. Warum weiß ich selbst nicht so genau.
Endlich angekommen in der Arbeit, durfte ich mich wieder vom Chef anschnauzen lassen, weil ich 3 Minuten zu spät kam. Verdammt, ich hasse sie alle! Sonst ist nichts besonders geschehen in der Arbeit, wie jeden Tag eben.
Jetzt hab ich mir noch ein Fertiggericht in die Mikrowelle geschoben und Fern gesehen. Werd mich dann mal ins Bett begeben, weil mir bei weitem kein Grund einfällt, noch länger aufzubleiben. Ich habe auch keine Ahnung wo sich Julia noch um diese Zeit wieder herumtreibt. Wir reden nicht mehr besonders viel miteinander. Ich glaube sie betrügt mich. So hatte ich mir mein Leben wirklich nicht vorgestellt.
Ja, liebes Tagebuch. Das war also mein Tag – wie jeder andere verschießen Tag in meinem Leben.
Auf eine gute Nacht!
